
Gedichte Nach der weise alter lieder
Morgenlied
Der Tag hebt sein Licht, ohne nach unserem Namen zu fragen; Tau, Wind, Regen, Bach und Baum wirken, ohne zu besitzen, zu zählen oder Deutung zu fordern. Daraus erwächst die Einladung, den stillen Gang zu gehen, das anzunehmen, was einem zu Füßen liegt, und nicht auf jede Frage eine Antwort zu verlangen — bis man am Ende im „großen Grund" ruht, der die Welt zu jeder Stunde trägt.

Morgenpsalm
Ein Gegenstück und eine Vertiefung desselben Morgenbildes, das aber in die erste Person umschlägt: „So ging auch ich." Der Sprecher blickt zurück auf seinen Weg, sah den Stein mit dem Namen zerfallen und lernte, dass nicht jedem Grund sein Ziel gehört. Er teilte, war „nicht mehr als eine Hand" und erkennt zuletzt, was er nicht gemacht hat — den Grund, der schon trug, eh er erwachte. Ein persönlicher, dankbarer Psalm des Vertrauens.

Die Frucht
Ein Baum trägt im Schweigen eine Frucht, die kein Auge versteht. Ein Mann fragt nach Gewinn, Sinn und einem Ende — doch der Baum verspricht nichts, kein himmlisches Ziel, keinen Lohn. Der Wanderer begreift langsam: Die Frucht wächst mit dem Schritt, den er wagt; er bleibt nicht wegen des Segens, sondern „auch als niemand es sah". Treue erweist sich als Frucht des Bleibens
selbst.

Vom Bleiben
Ein Mann zieht ohne Lohn durch Regen und Wind; auf die Frage eines Kindes, wonach er laufe, antwortet er: „Nach einem, der mit mir noch geht." Kein Wunder geschieht, nur einer bleibt; eine Erschöpfte wird nicht aufgehoben, sondern begleitet, bis ihr Atem sie wieder nährt. Am Ende, wenn die Namen im Sand verwehen, bleibt allein die Wärme, die von Hand zu Hand weitergegeben wird.

Die Schlange
Eine Umdeutung des Sündenfalls: Vor dem Garten liegt eine zeitlose Nähe ohne Tod, Frage und Abstand. Die Schlange spricht vom Baum und vom Wissen; der Mensch greift zu, die Nähe zerbricht, die Zeit hält Wacht. Man nennt ihren Namen bis heute mit Groll — doch sie weiß nur eines: Seit jenem Erscheinen ward Nähe überhaupt erst zur Möglichkeit. Sie bewacht nicht den Baum, sondern den ersten Abstand — und urteilt nicht.

Der Abendstern
Der Morgenstern, der mehr sein wollte als Spiegel und Schein und das Licht „in der Hand halten" wollte, stürzt in die Zeit und Endlichkeit. Er sieht Lieben und Verlieren und fragt, was vom Leuchten bleibt. Keine Macht antwortet; nur unten am Steg bleiben Menschen beieinander, teilen Brot, halten die Hand. So wird aus dem Morgenstern der Abendstern unter den Menschen — nicht mehr Ursprung, sondern „Licht für das Ende des Jahrs", der den Wanderer dennoch begleitet.

Das Wiegenfest
Eine entmythologisierte Weihnacht: keine Pracht, kein König, kein Engel, kein Stern. Nur ein Mensch aus Staub am Rande der Zeit, dem einer mit fordernden-losen Händen nahekommt; ein Blick wird Wort, ein Bleiben zum Ort. Aus geteiltem Brot und einer „gereichten Hand" wächst ganz leise ein Anfang, den niemand als Anfang erkennt — nicht jenseits, sondern mitten im Sterblichen. Gefeiert wird nicht der Sieg, sondern der Ort, wo ein sterbliches Wort dem Anderen Antwort gab.

Der Schwellengänger
Ein Mensch steht an der Schwelle zwischen dem dämmernden Vergangenen und der unendlichen Weite. Einst öffnete ein Blick „ein Tor zwischen Welt und Gesicht" und ließ ein Du und ein eigenes Licht entstehen — mit ihm aber auch Schmerz und der sichtbare Riss am Tisch, den niemand heilte. Kein Himmel zerbricht, und keiner sagt „dies war für ein Höheres gut" — denn wer den Riss erklärt, bevor er ihn ehrt, verrät ihn. Was bleibt, ist die Hand, die den Anderen nicht verließ: mehr als jedes Urteil
der Weite.

Das Bleiben und der Windhauch
Eine Meditation im Ton des Kohelet. Ein Mann baut aus Stein („Dies wird sein!"), doch Winde ziehen durch ungezählte Mauern; alt geworden fragt er, wo bleibt, was er liebte. Ein Greis tritt aus dem Wind und spricht die Vergänglichkeit aus: alles vergeht „wie Gras, das der Abendwind beugt". Sein Rat aber: teile dein Brot, sieh den Anderen, bleib beim Verlust — „nur nicht, dass du dennoch liebst". Der Mensch geht nicht leichter, doch aufrechter fort, und ein bleibendes Wort verklingt: Wer beim Anderen steht, der lebte vergeblich nicht.
